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- Chancen und Grenzen tiergestützter Pädagogik mit Farbratten. Am Beispiel von Kindern und Jugendlichen in Pflegeverhältnissen
Pädagogik & Soziales
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Verlag:
Diplomica Verlag
Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH
Hermannstal 119 k, D-22119 Hamburg
E-Mail: info@diplomica.de
Erscheinungsdatum: 02.2026
AuflagenNr.: 1
Seiten: 68
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
Tiergestützte Interventionen in der Pädagogik und Sozialen Arbeit sind mittlerweile ein weit verbreitetes, professionalisiertes Thema, insbesondere wenn es um den Einsatz von Hunden oder Kleintieren geht. Eine Kleintierart findet dabei jedoch wenig Beachtung – die Farbratte. Der Autorin ist es ein wichtiges Anliegen, diese Lücke zu schließen und wertvolle Impulse für den Einsatz von Ratten im Kontext von Kindern und Jugendlichen aus Pflegeverhältnissen zu geben. Kaum ein Tier löst solche emotionalen Reaktionen aus wie die Ratte. Welche Besonderheiten macht die Ratte aus und warum bietet das Image dieser Tiere eine Grundlage für gelingende Beziehungsarbeit mit jungen Menschen, die innerhalb der Jugendhilfe aufwachsen? Dieses Buch beschäftigt sich mit den Grundlagen der Rattenhaltung, beleuchtet die Beziehung des Menschen zur Ratte, nennt vielfältige Einsatzmöglichkeiten, und wirft einen kritischen Blick auf die Grenzen der Tiere innerhalb der tiergestützten Arbeit.
Textprobe: 3. Der Mensch und die Ratte Ratten und Menschen haben einige Gemeinsamkeiten, die einen Hinweis darauf bieten können, warum die Ratte eine ganz besondere Stellung beim Menschen innehat. Ratten sind eine der wenigen Spezien, die es geschafft haben, jeden Kontinent der Erde zu bevölkern. Das heißt sie sind besonders zäh und anpassungsfähig, um sich in widrigsten Umständen fortpflanzen zu können. Dasselbe lässt sich über den Menschen sagen. Sobald sich Menschen irgendwo auf der Welt niedergelassen haben, gesellen sich ihnen Ratten dazu. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es eine Koexistenz zwischen Mensch und Ratte schon sehr lange gibt (vgl. Wozonig 2024, S. 15). Eine weitere Gemeinsamkeit findet sich darin, dass Menschen und Ratten Allesfresser sind. Somit stehen beide in direkter Nahrungskonkurrenz zueinander. Ratten verfügen darüber hinaus über die Fähigkeit Materialien zu zernagen, zu verschlucken und zum Teil zu verdauen, die nicht im engeren Sinne zu ihrer Ernährung zählen. Daneben scheuen sie auch nicht vor kranken, verwundeten oder hilflosen Lebewesen als Nahrung zurück, um zu überleben. Das macht sie zu Schädlingen in den Augen der Menschen. Während wir andere Tiere auch in entlegenen Habitaten aus Versehen, Ignoranz oder Gedankenlosigkeit ausrotten und ihren Verlust dann wortreich bedauern, schaffen wir es bei Ratten nicht einmal in unseren Städten, die Zahl der Individuen halbwegs unter Kontrolle zu bekommen. (Wozonig, 2024, S. 22). Um der Verbreitung und Ansiedelung von Ratten entgegenwirken zu können, müssten die Tiere keinerlei biologische Spuren des Menschen vorfinden und genau das scheint unmöglich. Das macht die Ratte aus menschlicher Perspektive fast schon allmächtig und erscheint uns, die wir uns selbst als die Krone der Schöpfung verstehen entsprechend unheimlich. Rattenbeobachtung ist immer auch Menschenbeobachtung , wie Wozonig schreibt (2024, S. 23). Der Ekel vor menschlichen Ausscheidungen jeglicher Art und dessen Auswirkungen auf seine Umwelt, scheint sich hier auf die Ratte als Tier zu übertragen. Die Ratte führt dem Menschen seine Lebensweise vor Augen und genau das erscheint uns unsympathisch, wenn nicht sogar unheimlich. 3.1 Vorurteile und Mythen Die Verbindung zwischen Menschen und Ratten ist also eine Geschichte so alt wie die Menschheit selbst und offenbar mit negativen Assoziationen verbunden. Somit verwundert es nicht, dass sich Vorurteile und Mythen über Ratten hartnäckig halten und zahlreich vertreten sind. Um zu verstehen, warum die Ratte nicht den besten Ruf genießt und ob diese negative Sichtweise tatsächlich gerechtfertigt ist, lohnt sich ein genauerer Blick auf die bekanntesten Vorurteile, welche an dieser Stelle auf den Prüfstand gestellt werden sollen: Ratten sind Überträger der Pesterkrankung Tatsächlich wird die Pest vom sogenannten Rattenfloh übertragen. Genauso allerdings auch von Mensch zu Mensch oder durch andere Wildtiere oder Haustiere. Der Ratte an sich kann hier also nicht die Schuld gegeben werden. Ratten sind angriffslustig und aggressiv Zum Teil existieren alte Mythen, aus denen hervorgeht, dass sie kleine Kinder annagen. De facto sind Ratten eher scheue und ängstliche Fluchttiere und neigen nicht dazu aus Angriffslust Menschen zu attackieren. Ratten sind schmutzig Dieses Vorurteil rührt wohl daher, dass wilde Ratten sehr anpassungsfähig sind und ihr Lebensraum quasi überall sein kann, u.a. in der Kanalisation. Es ist allerdings eher das Gegenteil der Fall. Ratten sind sogar besonders reinlich und betreiben intensive Fellpflege untereinander und auch mit ihrem Menschen. (vgl. Wilde 20212, S. 6) Ratten stinken Grundsätzlich haben alle Tiere (sowie Menschen auch) einen Eigengeruch. Hier spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Hund, eine Katze oder ein Nagetier handelt. Das trifft daher selbstverständlich auch auf Ratten zu. Bei regelmäßiger Reinigung des Käfigs oder Aufenthaltsortes der Tiere, hält sich dieses Gerücht allerdings nicht. (vgl. Netzer 2019, S. 21) Der Schwanz der Ratte ist nackt und kalt Das stimmt faktisch nicht. Der Schwanz der Ratte wird gut durchblutet und ist angenehm warm sowie mit vielen kleinen borstigen Haaren bedeckt. Es kann also festgestellt werden, dass es sich bei diesen Beispielen um Irrtümer handelt, welche der Ratte nicht gerecht werden. 3.2 Nutzen und Erfolge der Ratte Es existiert jedoch auch eine positive Sichtweise auf die Ratte. Neben dem bereits erwähnten Nutzen für die Wissenschaft und Forschung der Tiere, können dies nicht zuletzt viele Halter im Kontext der Heimtierhaltung unterstreichen. In deutschen Haushalten lebten 2023 laut einer repräsentativen Erhebung des Marktforschungsinstituts Skopos für IVH und ZZF 34,3 Millionen Haustiere. Statistisch gesehen entspricht das bei 80 Millionen Menschen fast jedem 2. Haushalt in Deutschland, in dem Tiere leben. Davon fallen 5 % auf Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster und Ratten (vgl. Datenblatt ZZF und IVH 2023). Eine ARD-Reportage aus dem Jahr 2017 schätzte die Zahl der in Deutschland als Haustiere gehaltenen Ratten auf 200.000, Tendenz steigend (vgl. Wozonig 2024, S. 73). Das Image von Ratten wurde unter anderem auch durch popkulturelle Phänomene wie Bücher, Filme und Fernsehserien aufgewertet. Einige der bekanntesten Beispiele sind hier Meister Splinter, der weise Mentor und Lehrer der Comicreihe Teenage Ninja Mutant Turtels (1984), die Figur des Monti Spinneratz aus der Augsburger Puppenkiste (1997) oder die Ratte Remy aus dem Animationsfilm Ratatouille (2007). Im wahren Leben gibt es aber auch Ratten, die heldenhafte Taten vollbringen. Die belgische gemeinnützige Organisation APOPO hat es sich zur Aufgabe gemacht, Methoden für den Einsatz von Spürratten für humanitäre Zwecke zu erforschen und zu verbreiten. Die Organisation richtet Riesenhamsterratten als Spürtiere ab und hilft so bei der Erkennung und Ausschaltung von Landminen sowie der Schnellerkennung von Tuberkoloseerkrankten. Die Tiere sind in den Medien als HeroRATS bekannt geworden und kommen hauptsächlich in afrikanischen Ländern zum Einsatz (vgl. APOPO 2024). Auch in sakralen Kontexten taucht die Ratte bereits seit vielen Jahrhunderten in meist nicht westlichen Kulturen immer wieder auf. Bereits in der Antike traten Ratten (wobei zwischen Ratten und Mäusen in den Begrifflichkeiten nicht unterschieden wurde) als Begleiter von Göttern auf. Sie werden in den Erzählungen und Sagen zumeist als Waffen gegen den Feind eingesetzt (vgl. Wozonig 2024, S. 89). In Indien ist den Tieren ein ganzer Tempel in Deshnok gewidmet. Dem liegt die Geschichte der Göttin Karni Mata zugrunde, welche berichtet, dass die Göttin ein totes Kind aus dem Reich der Toten zurückgefordert habe. Die Seele des Kindes sei jedoch bereits reinkarniert gewesen. So beschloss die Göttin, dass alle Seelen ihres Clans nicht mehr ins Totenreich eingehen sollten, sondern als Ratten wiedergeboren und so auf ihre Wiedergeburt warten sollten. Die Ratten leben in ihrem Tempel und werden von ihr beschützt, so dass sie von den Gläubigen verehrt und gefüttert werden. Wem dort eine Ratte über den Fuß läuft, dem widerfährt Glück (vgl. Wozonig 2024, S. 91). Der hinduistische elefantenköpfige Gott Ganesha hat als Begleit- und Reittier eine Ratte. Ratten als Seelentiere Verstorbener kommen auch in anderen Kulturen vor. In der germanischen Sagenwelt wird Holda oder auch Frau Holle oder Perchta genannt von Ratten begleitet, weil sie die Hüterin der Seelen von ungeborenen oder verstorbenen Kindern ist. Aufgrund ihrer Intelligenz sind Ratten ein ideales Symbolbild für Weisheit. Im chinesischen Horoskop nimmt die Ratte den ersten Platz ein und steht für Menschen, die […] einen schnellen, beweglichen Geist, aber auch musische Begabung und Umsicht haben (vgl. Wozonig 2024, S. 92). 4. Historie tiergestützter Interventionen Mensch-Tier-Beziehungen existieren seit Jahrtausenden. Der Mensch hat dabei schon immer einen Nutzen aus diesen Beziehungen bezogen, wenn auch größtenteils unbewusst. Es ist überliefert, dass bereits im 9. Jahrhundert Menschen Tiere in die Betreuung von behinderten Menschen integrierten ( Therapie naturelle ). Deutlich später, im 18. Jahrhundert, brachte man in den USA Tiere mit psychisch erkrankten Menschen zum Zwecke der Versorgung und zur Selbstwirksamkeit, zusammen (vgl. Turner, Wohlfahrt, Beetz 2021, S. 14) Tiergestützte Intervention als wissenschaftlich anerkannte Methode existiert allerdings erst seit den 1960er Jahren. Durch die Studie des amerikanischen Kinderpsychologen Boris M. Levinson und dessen Erfolge in der Behandlung eines Jungen mit Hilfe seines Hundes, erreichte sie eine breite Öffentlichkeit (vgl. Strunz 2023, S. 1). Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema tiergestützte Interventionen sowie der tatsächliche Einsatz von Tieren in der Praxis nahm jedoch nur langsam Fahrt auf und verbreitete sich erst in den 1990er Jahren bis nach Deutschland. Dabei stand der Einsatz von Therapiehunden klar im Fokus. Andere Tiere kamen erst nach und nach dazu. Seit knapp 20 Jahren existieren Dachverbände, die sich die Vereinheitlichung und Qualitätssicherung der Aus- und Weiterbildung im Bereich der TGI auf die Fahne geschrieben haben. (Turner, Wohlfahrt, Beetz 2021, S. 16) 5. Grundlagen tiergestützter Interventionen 5.1 Differenzierung der Begrifflichkeiten Zunächst einmal gilt es zu klären, was unter tiergestützten Interventionen zu verstehen ist. In Literatur und Medien sind eine Vielzahl von Begrifflichkeiten vertreten, welche die Begleitung von Tieren in therapeutischen oder pädagogischen Settings meinen. Rechtliche Vorgaben für die Begrifflichkeiten existieren nicht, so dass eine gewisse Unüberschaubarkeit herrscht. Um dem entgegenzuwirken, hat die IAHAIO (International Association of Human Animal Interaction Organizations) als ein Zusammenschluss von weltweiten Organisationen, die sich mit Mensch-Tier-Beziehungen auseinandersetzen, 2013 eine global einheitliche Begrifflichkeit eingeführt (vgl. Beetz, Turner, Wohlfarth 2021, S. 18-19.). Tiergestützte Intervention (TGI): Unter tiergestützter Intervention versteht sich in der wissenschaftlichen Literatur der Oberbegriff für alle zielgerichteten Einsätze, bei denen bewusst Tiere in verschiedenen Bereichen wie Gesundheitsfürsorge, Pädagogik oder Soziale Arbeit integriert und einbezogen werden, mit dem Ziel einer Verbesserung für den Menschen. Tiergestützte Therapie (TGT): Tiergestützte Therapie ist eine geplante Maßnahme mit Tieren, die von ausgebildetem, beruflich qualifiziertem Personal aus Gesundheitswesen, Pädagogik oder der Sozialen Arbeit im Rahmen ihrer Praxis und innerhalb ihres Fachgebiets ausgeführt wird. Tiergestützte Pädagogik (TGP): Tiergestützte Pädagogik oder auch tiergestützte Erziehung ist eine zielgerichtete Maßnahme mit Tieren, die von pädagogisch qualifiziertem Personal (allgemeiner Pädagogik, Sonderpädagogik) durchgeführt wird. Das Erreichen von akademischen Zielen wie sozialen oder kognitiven Fähigkeiten steht hier im Vordergrund. Tiergestütztes Coaching (TGC): Tiergestütztes Coaching ist eine geplante und strukturierte Intervention mit Tieren, die von ausgebildeten Coachingfachpersonen ausgeführt wird. Ziel ist eine Verbesserung des persönlichen inneren Wachstums. Es kann aber auch als Unterstützung bei gruppenbildenden Prozessen eingesetzt werden. Tiergestützte Aktivitäten (TGA): Tiergestützte Aktivitäten sind geplante informelle Aktionen oder Besuche von Mensch-Tier-Teams mit den Zielen zu motivieren, zu erziehen oder bilden, zu entspannen oder zu erholen durchgeführt werden. Die Mensch-Tier-Teams müssen wenigstens ein Training, eine Vorbereitung oder Beurteilung in Anspruch genommen haben, bevor sie in den Einsatz gehen können (vgl. Beetz, Turner, Wohlfarth 2021, S. 19-20). 5.2. Methoden der TGI Innerhalb der tiergestützten Arbeit erfolgt eine Unterscheidung nach bestimmten Methoden, mit denen gearbeitet werden kann. Diese dienen den ausgebildeten Fachkräften dazu, für die Klienten ein möglichst passgenaues Angebot zu entwickeln. Dabei wird berücksichtigt welche Mensch-Tier-Erfahrungen beim Klienten vorliegen und welche Begabungen des Menschen sich mit welchem Wesensmuster einer Tierart oder einem Tierindividuum decken. Dabei gilt es zu beachten, dass nicht jede Tierart und jede Methode, für jeden Menschen gleich gut geeignet ist. Es bestehen fünf Grundmethoden innerhalb der TGI, welche nicht zwangsläufig streng voneinander getrennt werden müssen und/oder sogar stellenweise miteinander kombinierbar sind. Methode der freien Begegnung Darunter versteht sich die ursprünglichste Form der Begegnung zwischen Mensch und Tier, wie man sie in der freien Natur antreffen kann. Idealerweise besteht hier absolute Wahlfreiheit für Mensch und Tier in der Entscheidung Kontakt aufzubauen oder sich zurückzuziehen. In der Praxis findet diese Methode eher selten Anwendung, da sie sowohl eine erhöhte zeitliche Planung erfordert als auch nur bedingt insgesamt geplant werden kann. In der Theorie kann diese Methode mit allen Tieren, denen man in der freien Natur begegnen kann, durchgeführt werden. Insbesondere natürlich mit W ildtieren (Insekten, Vögel, Waldtiere, usw.). Innerhalb der TGI wird auch dann von der Methode der freien Begegnung gesprochen, wenn domestizierte Tiere und Menschen innerhalb der Hortmethode den offenen und freien Kontakt miteinander gestalten. Hort-Methode Unter der Hortmethode versteht sich die Begegnung von Mensch und Tier innerhalb eines begrenzten Raums. Das kann ein Zimmer/Raum sein, das kann aber auch das Gehege oder Stall des Tieres sein. Je nach Tierart kann die Größe des begrenzten Raums also stark variieren. Handelt es sich um eine Reithalle, eine Kuhwiese, einen Klassenraum oder handelt es sich um ein Kaninchengehege, einen Hühnerstall oder einen Praxisraum? In jedem Fall bietet diese Methode für das Tier eine oder mehrere Zonen für Rückzug vor dem Menschen an. Damit ähnelt diese Methode der Methode der freien Begegnung am meisten. Sie bietet die Chance auf das Erleben von Geborgenheit und Sicherheit für den Menschen, birgt aber gleichzeitig einen überschaubaren Aktionsrahmen für die Tiere und ermöglicht so eine vergleichsweise freie Wahrnehmung der Begegnung. An die Fachkraft wird die Herausforderung gestellt, sehr aufmerksam Mensch und Tier zu beobachten, um mögliche Missverständnisse oder Übergriffe umgehend eindämmen und aufklären zu können. Brücken-Methode Die Brücken-Methode hat in der Regel Annäherung zwischen Mensch und Tier zum Ziel. Hierbei wird sich einer Brücke bedient, sprich eines Gegenstands, um die Distanz zwischen Mensch und Tier zu überwinden. Diese Methode ist besonders hilfreich, wenn kein direkter Körperkontakt möglich oder gewünscht ist. Als Brücke können verschiedenste Dinge dienen, wobei der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Klassische Brücken sind beispielsweise Leinen oder Führstricke, Bürsten, Zweige/Äste oder auch eine geborgte Hand von einem Stellvertreter, welcher das Tier streichelt, ohne dass man es selber anfassen muss. Auch das Füttern von Leckerlis und allen Hilfsmitteln dazu gilt als Brücke. Hier ist der Aktionsradius begrenzt und wird von dem jeweiligen Brücken-Gegenstand geprägt. Aufgabe der Fachkraft ist es, die Interaktion zwischen Mensch und Tier gut zu beobachten, einzuschätzen und zu fördern und sollte es notwendig sein, bei Gefahren für Mensch und Tier frühzeitig zu intervenieren. Jeder Gegenstand kann potentiell vom Menschen missbräuchlich eingesetzt werden. Präsenzmethode Innerhalb der Präsenzmethode wird das Tier beim Menschen in einem stark eingeschränkten Raum präsentiert. Bekanntestes Beispiel ist das Auf-den-Schoss-setzen eines Hundes oder Kleintieres bei Bewohnern von Seniorenheimen oder im Kindergarten. Aus Sicht des Menschen wird so die Möglichkeit zu einer direkten Kontaktaufnahme mit dem Tier gegeben. Aus Sicht des Tieres bestehen jedoch keine oder stark eingeschränkte Rückzugsmöglichkeiten sowie kaum vorhandener Aktionsradius. Hauptaugenmerk der Fachkraft ist es, im Vorfeld genaueste Überlegungen anzustellen, welches Tier für diese Aufgabe in Frage kommt. Das Tier sollte sich bei nahem Menschenkontakt wohlfühlen und diesen wollen. Dabei ist weniger die Tierart entscheidend als vielmehr die charakterlichen Eigenschaften des individuellen Tieres. Eine Vorstellung des Tieres und seinen Bedürfnissen vor der Umsetzung der Präsenzmethode wird dringend empfohlen. Sofern das Tier Stress- oder Rückzugtendenzen zeigt, sollte es aus dem Nahkontakt entfernt werden. Aufgrund der kritischen Aspekte wird die Methode nur für Klienten empfohlen, welche aufgrund einer Einschränkung anderenfalls keinen Tierkontakt haben können. Methode der Integration Bei dieser Methode wird der Rahmen von Nähe und Distanz sowie entsprechenden Rückzugsmöglichkeiten am meisten eingeschränkt. Das Tier übernimmt hier eine bestimmte Funktion und wird als eine Art Hilfsmittel gesehen. Diese Methode ist oft innerhalb der Hippotherapie oder tiergestützter Physiotherapie/Ergotherapie anzutreffen. Selbstbestimmung für Mensch und Tier erhält keinen großen Raum. Vielmehr geht es darum, innerhalb eines festen Rahmens funktional zu interagieren. Dort wo ein bestimmtes Ziel nicht über Beziehungsarbeit mit dem Tier erreicht werden kann, kommt die Methode der Integration zum Einsatz. Als Fachkraft kann es hilfreich sein, Rituale und Lob für das Tier einzuführen, damit ihm entsprechende Wertschätzung und Respekt von den Klienten entgegengebracht wird und das Tier von seiner Rolle als Hilfsmittel entfremdet wird. Sowohl Tier als auch Fachkraft bedürfen einer professionellen Ausbildung innerhalb dieses Settings, um auf mögliche Probleme reagieren zu können. (vgl. Stoppel 2018, S. 28-31)
Melissa Fittig, geboren 1985 in Gummersbach, schloss 2010 erfolgreich das Studium der Erziehungswissenschaft an der TU Dortmund als Diplom-Pädagogin ab. Ihren Schwerpunkt legte sie bereits im Studium auf die Soziale Arbeit und arbeitete im Anschluss in der öffentlichen Jugendhilfe. Dort sammelte sie Erfahrungen im Allgemeinen Sozialen Dienst und der ambulanten Jugendhilfe. Aktuell ist sie innerhalb des Jugendamtes im Pflegekinderdienst tätig und betreut und unterstützt Pflegefamilien im Alltag. Schon ihr ganzes Leben begleiten sie Tiere im Privaten an ihrer Seite, so dass die Feinfühligkeit und emotionale Stütze eines tierischen Begleiters ihr stets vertraut war. 2020 schloss sie die Weiterbildung zur Systemischen Beraterin mit DGSF-Zertifikat ab und entschied sich sodann 2023, ihre Liebe zu Tieren durch die fast zweijährige Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention mit ihrem Beruf in Einklang zu bringen. Durch die private Rattenhaltung offenbarte sich ihr das Potential der Tiere für die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, welches bisher in der tiergestützten Arbeit wenig Beachtung fand. Aktuell ist sie mit tiergestützter Pädagogik nebenberuflich in die Selbstständigkeit gegangen und unterstützt dort mit ihren vierbeinigen Begleitern Kinder und Jugendliche in verschiedenen Entwicklungsphasen und berät Fachkräfte zum Thema tiergestützte Interventionen mit Ratten.
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