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Pädagogik & Soziales

Franz Andreas Lorth

Die Alltäglichkeit von Gewalt gegen Sozialarbeitende. Eine explorative qualitative Studie

ISBN: 978-3-96146-824-9

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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 04.2021
AuflagenNr.: 1
Seiten: 136
Abb.: 7
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Wer sich für ein Studium der Sozialen Arbeit entscheidet, will zumeist einfach nur Gutes tun, möchte gebraucht und geschätzt werden. Die Realität in diesem Beruf ist nicht selten eine andere: schlecht bezahlte und oft befristete Arbeitsverhältnisse. Auch von einer gesellschaftlichen Anerkennung ist diese Profession noch weit entfernt. Mag manches davon zukünftigen Sozialarbeiter*innen bereits zu Beginn ihres Studiums bewusst sein, wird ein Faktor häufig außer Acht gelassen. So sind Sozialarbeitende häufig physischer und vor allem psychischer Gewalt durch ihre Klient*innen ausgesetzt. Dass es diese Formen von Gewalt gegen Sozialarbeitende gibt, ist in Fachkreisen unumstritten. Wissenschaftliche Veröffentlichungen dazu findet man aber gerade in Deutschland recht selten. Welche Umstände führen zu Gewalt gegenüber Fachkräften der Sozialen Arbeit? Liegt es an der auch in dieser Profession schon seit längerer Zeit vorherrschenden Ökonomisierung? Passen die Strukturen einfach nicht? Oder hakt es in der Ausbildung? Es gibt viele Fragen, mit denen sich der Verfasser dieses Buches auseinandersetzt. Dabei stellt er folgende zum Nachdenken anregende These auf: Gewalt gegen Sozialarbeitende ist alltäglich, denn Soziale Arbeit ist eigentlich immer Arbeit im Ausnahmezustand.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 4.1 Begriffsklärung: Alltäglichkeit, Alltag, Routine: Wer sich mit dem Begriff Alltäglichkeit intensiver auseinandersetzt39, wird einige wissenschaftliche Beiträge dazu finden. Vor allem Soziologen, wie Pierre Bourdieu, Anthony Giddens oder Alfred Schütz haben im weitesten Sinne zu diesem Thema geforscht. Aus sozialpädagogischer Sicht gelangt man zwangsläufig zum Alltagsbegriff der Lebensweltorientierung bzw. zur alltagsorientierten Sozialpädagogik von Hans Thiersch. Hiernach spielt der Alltag der Klient*innen eine wesentliche Rolle und liefert wichtige Anknüpfungspunkte für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, mit dem Ziel eines gelingenderen Alltags der Klientel. So gilt im Konzept der Lebensweltorientierung eine vertraute Alltäglichkeit als verlässlicher Anhaltspunkt für die Entwicklung von Bewältigungskompetenzen Thiersch (2006: 21) nennt zwei wesentliche Faktoren des Alltags: Alltäglichkeit und Alltagswelten. Er beschreibt die Alltäglichkeit als generell geltende Verstehens- und Handlungsmuster im Alltag und die Alltagswelten als konkrete Lebensfelder, in denen Alltäglichkeit sich darstellt. Bis hierhin betrachtet wäre eine Alltäglichkeit von Gewalt gegen Sozialarbeitende nicht zwingend negativ konnotiert, geht es doch um generelles Verstehen und Handeln in konkreten Lebensfeldern also dem täglichen Brot der Sozialen Arbeit. Alltäglichkeit ist laut Thiersch (2006: 25) auch ein buntscheckiges, widersprüchliches Gemenge , geprägt von Verantwortlichkeit und Zuständigkeit, aber auch von Routinen und Entlastungen. Wobei Routinen und Erfahrungen auch einschränkend wirken, da es durch diese womöglich an der nötigen Offenheit fehlt, neue Arrangements zu treffen (vgl. ebd.). Möglicherweise mag also eine gewisse Routine in der Erfahrung mit Gewalt gegen die eigenen Fachkräfte dazu beitragen, dass die nötige Offenheit im System Soziale Arbeit fehlt, um dem Phänomen entsprechend (anders oder besser) zu begegnen also neue Arrangements zu treffen. Dies wird erschwert, da Routinehandlungen eine fundamentale Bedingung menschlicher Existenz darstellen und Menschen aus einer Art innerer Ökonomie dazu neigen, für den immer wieder notwendigen Umgang mit Personen, Dingen oder Situationen Gewohnheiten oder Routinen auszubilden, sie also zu habitualisieren (Gukenbiehl 2008: 151, zit. n. Frommann 2014: 41). Möglichkeiten aus dieser Gewohnheitsbildung im Sinn des automatisierten Handelns herauszubrechen bieten erst besondere Umstände oder Situationen: Erst in Situationen von Krisen42, problematischen Handlungssituationen und -umständen oder auf Befragung43 hin holt der Akteur das handlungsrelevante Wissen in das diskursive Bewusstsein. (vgl. Giddens 1997: 56, zit. n. Frommann 2014: 42) In der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit findet sich, neben der hermeneutischen Tradition (Rekonstruktion von Verstehen und Verständnis) in Verbindung mit der interaktionistisch- phänomenologischen Tradition (Analyse der Grundstrukturen des Sozialen), auch die kritische Alltagstheorie (Kosik 1967 Bourdieu et al. 1997) wieder. (vgl. Grunwald und Thiersch 2016: 32f.) Diese betont, (…) den Zusammenhang von Gegebenem und Gelingenderem, der notwendig, aber schwierig und widersprüchlich ist. Alltäglichkeit ist ‚das Dämmerlicht von Wahrheit und Täuschung‘ (Kosik 1967), also die Zweideutigkeit einer Wirklichkeit, in der sich die Tendenzen der Handlungsfähigkeit und Sicherheit mit den in Routinen und Pragmatismus immer auch gegebenen Borniertheit und Verengungen ebenso vermitteln wie mit ihrer ‚Destruktion‘ (Kosik 1967) und der Anstrengung, diese in Kampf und Hoffnung zu überwinden. (Grunwald und Thiersch 2016: 34f.) Somit wird Alltäglichkeit als etwas Widersprüchliches verstanden. Sie gibt nicht nur Sicherheit durch entlastende Routinen, sondern erzeugt auch eine gewisse Enge und Unbeweglichkeit, die eine Weiterentwicklung verhindern. Schafft man es aber diese Borniertheit zu durchbrechen, bietet sich die Chance für einen gelingenderen Alltag: Dabei liegt die Intention der kritischen Alltagstheorie in dieser Doppeldeutigkeit, unentdeckte und verborgene Möglichkeiten aufzuzeigen – Pseudokonkretheit zu destruieren und Praxis zu ermöglichen – und so das Protestpotential und die Möglichkeiten einer glücklicheren Lebensbewältigung in den Gegensätzen und Widersprüchen des Alltags hervorzubringen. (Thole 2012: 183) Die obigen Ausführungen stellen nur einen kleinen Teil sozialarbeitswissenschaftlicher Theorie dar, haben aber eines gemeinsam: Es handelt sich um Ansätze, wie Sozialarbeitende ihre Klient*innen besser unterstützen können nicht aber darum, die Lebens bzw. Arbeitswelt der Sozialpädagogik im Sinne eines gelingenderen Arbeitsalltags neu zu bewerten. Folglich fehlen vielleicht nur die Ideen, die dabei helfen könnten, die Sozialarbeitenden besser vor Grenzüberschreitungen seitens ihrer Klientel zu schützen bzw. diesen entsprechend besser vorbereitet zu begegnen. Dabei spielen die alltäglichen Bedingungen in der Sozialen Arbeit eine tragende Rolle.

Über den Autor

Andreas Lorth wurde 1971 im Saarland geboren. Nach absolvierter Ausbildung zum Bankkaufmann studierte er in Konstanz am Bodensee Betriebswirtschaftslehre und gründete währenddessen mit zwei Kommilitonen eine Werbeagentur. Trotz dieser Doppelbelastung schloss er im Jahr 2001 den Diplom-Studiengang ab. 2004 zog es ihn nach Hannover, wo er zunächst als angestellter Projektmanager in der Werbung tätig war und dann 2009 mit einem Partner erneut eine Werbeagentur aufbaute. Nach fast sechs Jahren mit 50 bis 60 Stunden-Wochen entschloss er sich, eine Auszeit zu nehmen und neue Wege zu gehen. 2017 begann er mit 46 Jahren das Bachelor-Studium Soziale Arbeit in Wolfenbüttel. Neben dem Studium sammelte er diverse Erfahrungen in der Jugendhilfe, in der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen und in der Obdachlosenhilfe. Zudem hatte er die Möglichkeit, sich die Soziale Arbeit in Russland, Frankreich, Italien, Indien und Südafrika anzuschauen. In Südafrika führte er im August 2019 eine Praxisforschung für das Projekt Digitale Weiterbildungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigung im Eastern Cape Südafrika und in Niedersachsen durch. Schon früh erkannte er, dass auch in der Profession Soziale Arbeit die gegebenen Strukturen nicht immer ideal sind, was u. a. auch zu Gewalt gegen Sozialarbeitende führt. Aufgrund dessen entschloss er sich, dieses Thema in diesem Buch näher zu untersuchen. Heute arbeitet Andreas Lorth als Sozialarbeiter in der Jugendgerichtshilfe in Berlin und absolviert dort sein Anerkennungsjahr.

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