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  • Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Institutionen. Eine Untersuchung begünstigender Faktoren für die Entstehung sexualisierter Gewalt am Beispiel der Odenwaldschule

Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 07.2021
AuflagenNr.: 1
Seiten: 88
Abb.: 8
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Wie kann sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – welche auch in familiärem Kontext auftritt – in pädagogischen Institutionen vorkommen, wo Heranwachsende professionell-pädagogischen Fachkräften und einem pädagogischen System anvertraut werden? Insgesamt kann und darf die Tatsache, dass pädagogische Settings sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche produzieren können, nicht länger geleugnet werden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, begünstigende Faktoren für die Entstehung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Institutionen auf theoretisch-wissenschaftlicher Grundlage am Beispiel der Odenwaldschule zu untersuchen. Die Arbeit beginnt, indem vorab die geschätzte Prävalenz von sexualisierter Gewalt dargelegt wird und Begriffsbestimmungen erläutert werden. Im Hauptteil werden zum einen theoretisch-allgemein übertragbare Faktoren für die Entstehung sexualisierter Gewalt in Institutionen und zum anderen am Beispiel der Odenwaldschule weitere (allgemeine) Faktoren herausgearbeitet.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 4.2, Der Charakter totaler Institutionen : Neben individuellen Faktoren wie einer Täter-Opfer-Dynamik, können auch institutionelle (Rahmen-)Strukturen sexualisierte Gewalt in pädagogisch-professionellen Arrangements begünstigen. Als eine von vielen weiteren Strukturen kann der Grad der Geschlossenheit gegenüber dem näheren und weiteren Umfeld (Kappeler 2014, S. 12) ausschlaggebend dafür sein. Erwing Goffman beschreibt totale Institutionen als soziale Einrichtungen, die sich durch einen totalen oder allumfassenden Charakter auszeichnen. Dieser totale Charakter wird durch Mechanismen einer sozialräumlichen Isolierung verwirklicht, welche die Form der Separierung annehmen kann. Totale Institutionen begünstigen dadurch die Beschränkung des sozialen Verkehrs mit der Außenwelt sowie der Freizügigkeit, die häufig direkt in die dringliche Anlage eingebaut sind, wie verschlossene Tore, hohe Mauern, Stacheldraht, Felsen, Wasser, Wälder oder Moore (Goffman 1973, S. 15f.). Da diese Form der Institutionen einen zur Außenwelt isolierenden Charakter einnehmen kann, bedarf es einer Betrachtung systemischer Merkmale im Kern dieser Settings. Goffman betont das zentrale Merkmal, welches darin besteht, dass die Schranken, die die folgenden drei Lebensbereiche voneinander trennen, aufgehoben sind: Eine Autorität bestimmt alle Lebensaspekte, welche an derselben Stelle stattfinden. Obendrein führen alle Mitglieder der Institution ihre tägliche Arbeit in der gleichen Gruppe in einem gemeinsamen Rahmen aus, wobei jeder Schicksalsgenosse die gleiche Arbeit verrichten muss. Die Planung des Arbeitstages ist im Voraus konkret definiert und bildet im Ganzen eine Folge von Tätigkeiten, die unter dem System expliziter Regeln steht. Zuletzt dienen alle Lebensbereiche der Erfüllung institutioneller Ziele. Der Soziologe betont an dieser Stelle auch die Bedeutung des zentralen Merkmals für kommerzielle, industrielle und Bildungsinstitutionen (vgl. ebd., S. 17f.). Dennoch gilt, dass nicht alle pädagogischen Institutionen zwangsläufig einen Charakter totaler Systeme einnehmen müssen. Neben dem räumlichen Aspekt zeigen totale Institutionen einen inneren Charakter des Systems, welcher durch die Obrigkeit im Sinne institutioneller Ziele exakt aufgezeigt wird. Zwar wandte sich das Werk Goffmans ursprünglich an soziale Situationen psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (Goffman 1973), doch kann der Kern der Leitgedanken auf gegenwärtige pädagogische Institutionen übertragen werden, die sich exemplarisch in der klaren Struktur der Heimerziehung widerspiegeln. Richard Utz grenzt diese institutionelle Form auf den säkularen Internatsbereich ein und bedient sich des Exempels der Odenwaldschule im Hessischen Ober-Hambach bei Heppenheim. Laut Utz lässt sich die Odenwaldschule als geschlossenes System deuten (vgl. Utz 2011 vgl. Kapitel 5.). Joachim Weber definiert den Charakter totaler Institutionen wie folgt: Das Leben in totalen Institutionen ist ein Leben im Verborgenen. Verborgen ist aber auch das sexuelle Leben, insofern das Schamgefühl den Schutz vor fremder Einflussnahme einfordert. Und verborgen ist immer auch das Verbrechen und bedarf der Verheimlichung. Es liegt nahe, dass sich diese drei Ebenen von Verborgenheit leicht überlappen. Die totale Institution bildet das perfekte Setting, um öffentlich sanktionierte sexuelle Bedürfnisse ungesehen von der Öffentlichkeit auszuleben (Weber 2011, S. 36). Weber geht explizit auf drei Ebenen des Charakters totaler Institutionen ein, welche sich dabei auf die Struktur des Verborgenen beziehen, gefolgt von dem sexuellen Leben und das damit einhergehende Verbrechen und dessen Verheimlichung. Es ist davon auszugehen, dass hier die Rede von sexuellem Verbrechen ist. Mit dieser Art von Verbrechen gegen Kinder und Jugendliche geht die Verheimlichung der Institution einher. Verknüpft man diese Erkenntnis mit den Annahmen Goffmans, so begünstigen demnach geschlossene Räume in solchen totalen Institutionen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, da diese Räume sämtliche Situationen versteckt halten können. Diesbezüglich betont auch Weber, dass diese pädagogischen Settings optimal sind, um sexuelle Gewalt gegen Jungen und Mädchen auszuüben, ohne dass die Geschehnisse an die Öffentlichkeit gelangen. Wieso kann der Charakter totaler Institutionen einen begünstigenden Faktor für sexualisierte Gewalt gegen Schüler/-innen und Zöglinge verkörpern? In Anlehnung an Weber können stationäre soziale Institutionen einen besonderen Raum für Nähe zwischenmenschlicher Beziehungen bieten. Nicht nur auf geistiger, emotionaler und sozialer Ebene kann zwischenmenschliche Nähe entstehen, sondern darüber hinaus auch auf körperlicher. Alltagssituationen wie die körperliche Versorgung, das Einschlafen und Aufstehen sind unumgänglich wahrzunehmen (vgl. Weber 2011, S. 36). Gerade in der Heimerziehung erhalten Pädagogen und Pädagoginnen den Auftrag, Kinder und Jugendliche in diesen Aufgaben zu begleiten. Inwieweit die Begleitung lebenspraktischer Aufgaben vollzogen wird, ist in den meisten Fällen nicht eindeutig definiert. Aufgrund einer klar definierten Rahmenstruktur in totalen Institutionen, aber auch in anderen pädagogischen Institutionen, können dargelegte Rahmenbedingungen im Sinne des Erziehungs- und Bildungsauftrags Unterdrückung, Ausbeutung, Diskriminierung und Entfremdung von Gruppen und Individuen bewirken oder aber ihre Autonomie, Emanzipation und Integration befördern (Heitmeyer 2012, S. 26). Gerade weil eine pädagogische Institution im Sinne des Kindes handeln sollte, stellt sie aufgrund ihrer vertrauenserweckenden Struktur eine Gefahr für Kindesmissbrauch dar. Auch Marie-Luise Conen betont, dass besonders überstrukturierte Heime mit autoritärem und rigidem Leistungsstil anfällig für potentielle Täter sind (vgl. Conen 2002 zitiert nach Backes 2015, S. 261). Dieser hohe Grad an Geschlossenheit hat sich im Sinne der sexualisierten Viktimisierung von Kindern und Jugendlichen bereits exemplarisch an vielzähligen pädagogischen Institutionen bewährt: so am Kloster Ettal, der Odenwaldschule und am Berliner Canisius-Kolleg. Demzufolge darf nicht außer Acht gelassen werden, dass nicht nur der Charakter totaler Institutionen Vorgänge sexualisierter Übergriffe an Kindern und Jugendlichen begünstigen kann, sondern vielmehr gerade durch diesen totalen Charakter zur Ausbildung eines institutionellen Schweigepanzers beiträgt.

Über den Autor

Gamze Kapucu, M.A., wurde 1994 in Speyer geboren. Ihr Studium in Erziehungswissenschaften an der Universität Frankfurt und an der Universität Landau schloss sie im Jahr 2019 mit dem akademischen Grad Master of Arts ab. Parallel zum Studium begann die Autorin im Jahr 2018 die postgraduale Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am Zentrum für Psychologische Psychotherapie in Heidelberg.

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